Die Krise als Brennglas

Corona und die Folgen für die Wirtschaft als Thema in der Alten Fleiwa: (von links) Vorsitzender Martin Steinbrecher, Prof. Dr. Henning Vöpel und Geschäftsführer Jürgen Lehmann. Bild: Markus Hibbeler
Corona und die Folgen für die Wirtschaft als Thema in der Alten Fleiwa: (von links) Vorsitzender Martin Steinbrecher, Prof. Dr. Henning Vöpel und Geschäftsführer Jürgen Lehmann. Bild: Markus Hibbeler

Über die Folgen der Coronakrise für die Wirtschaft referierte Prof. Dr. Henning Vöpel, Direktor des Hamburgischen WeltWirtschaftsInstituts, vor Gästen des KLEINEN KREISES in der Alten Fleiwa in Oldenburg.

Oldenburg, 15.10.2020. „Corona ist keine originäre Krise der Gesellschaft und der Wirtschaft an sich, aber es trifft uns in einem ohnehin fragilen, disruptiven Zustand“, erklärte Prof. Dr. Henning Vöpel, Direktor des Hamburgischen WeltWirtschaftsInstituts (HWWI). Die Welt habe stillstehen müssen, obwohl sie auf Kontakt, Austausch und Vernetzung angewiesen sei. Henning Vöpel sprach in der Alten Fleiwa Oldenburg vor Gästen des Wirtschaftliche Vereinigung Oldenburg – DER KLEINE KREIS e.V.. Sein Thema: „Vom Corona-Schock in die Post-Corona-Welt“.

Bislang hat Deutschland nach Einschätzung des HWWI die Krise recht gut gemeistert. Ein zweiter Lockdown sei allerdings eine echte Bedrohung für die Wirtschaft, so der HWWI-Direktor. Das milliardenschwere Konjunkturpaket könne allerdings schnell verpuffen, denn es basiere auf der Annahme, dass es keinen zweiten Lockdown gebe.

Klar ist für Vöpel, dass Corona die Welt nachhaltig verändern wird: „Diese Krise ist ein Brennglas, das Strukturdefizite, Versäumnisse und Schwächen offenlegt, sie ist ein Katalysator, der die strukturellen Veränderungen beschleunigt. Krisen und Unsicherheiten gehören zum Leben, darauf müssen wir reagieren und das haben wir als Gesellschaft und Wirtschaft etwas verlernt.“

Wie sich die Krise weiterentwickle, wüsste niemand genau. Klar sei aber, dass die Erholung sehr zäh ausfallen werde. Wichtig sei nun, so Henning Vöpel, dass nach den wirtschaftspolitischen Maßnahmen die Restrukturierung der Unternehmen komme. „Nun muss in disruptive Technologien investiert werden.“

Prof. Henning Vöpel beschreibt in vier Szenarien, wie die Wirtschaft in einer „Post-Corona-Welt aussehen könnte: Im ersten Szenario werden sich 10 Prozent der Wirtschaft gewandelt haben, 90 Prozent allerdings bleibt in der Wirtschaftsordnung so wie es schon vor der Krise war. In Szenario zwei verändert sich nichts, die Wirtschaft verharrt in einer Art Starre. Das sei, so Vöpel, der „worst case“. Das dritte Szenario steht für eine umfassende Erneuerung und Neuausrichtung der Wirtschaft. „Dieses Szenario wäre das Beste, allerdings ist dies nur umsetzbar unter der Voraussetzung einer zeitlich sehr begrenzten Krise“, so Vöpel. Szenario vier ist das realistischste: 50 Prozent der Wirtschaft wird sich nach Corona verändert und erneuert haben.

Eine Folge der Krise könnte sein, dass sich die Lieferketten „re-nationalisieren“, also wieder vermehrt im Inland produziert wird. „Ob das unterm Strich kostengünstiger sein wird, bezweifele ich“, sagte Henning Vöpel. Zudem werde das Produktivitätswachstum durch das billige Geld der EZB gehemmt. Sicher werde der staatwirtschaftliche Sektor wachsen und gleichzeitig auch die Verschuldung.

Geopolitisch könnte es in Folge der Krise zu deutlichen Verwerfungen kommen: Der Konflikt zwischen den USA und China könnte sich noch deutlich verschärfen. China wird die Krise nutzen, um sich wirtschaftlich und geopolitisch besser aufzustellen. Schwellenländer könnten allerdings in ihrer wirtschaftlichen Entwicklung deutlich zurückgeworfen werden. „Das hätte unabsehbare Folgen,“ warnte Vöpel. In Europa kann es zu gefährlichen Divergenzen kommen, wenn zum Beispiel das Wachstum aber auch die Schuldenstände der Länder zu sehr auseinanderlaufen.

Martin Steinbrecher, Vorsitzender des KLEINEN KREISES, berichtete in seiner Begrüßung von vielen Veranstaltungen, die aufgrund der Pandemie hätten ausfallen müssen. DER KLEINE KREIS setze aber sein Engagement für die Region unverändert fort. Steinbrecher nannte als Beispiel das Schülerforschungszentrum Nordwest: „Für dieses Projekt hat sich unser Vorstandskollege Dr. Christian Friege ganz besonders engagiert. Ziel war es, das Forschungszentrum auf eine starke Basis zu stellen und die verschiedenen Angebote im MINT-Bereich in der Region zu bündeln. Erstes Ergebnis ist nun eine Koordinatorenstelle für zwei Jahre. Die Stärkung und Förderung der MINT-Bildung in der Region – ein Vorhaben, das schließlich uns allen zugutekommt“, erklärte Martin Steinbrecher. Weitere wichtige Projekte des KLEINEN KREISES seien die Unterstützung der Stiftungsprofessur Künstliche Intelligenz und die Stiftungsprofessur für Versicherungsmathematik.

In Vechta schließlich unterstütze DER KLEINE KREIS die Transformationsstelle Agrar an der Universität Vechta, die wichtige zukunftsweisende Projekte der Agrarwirtschaft anschiebt und bündelt. „Für die Region, die stark ist im Agrarbereich mit seinen vor- und nachgelagerten Bereichen, eine enorm wichtige Stelle“, so Martin Steinbrecher.

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